Die Struktur der Karlsruher Piranesi-Klebebände

Die Struktur der Karlsruher Piranesi-Klebebände

Judith Becker, Maria Krämer, Irene Brückle

In diesem Essay werden die Einbände der beiden Klebebände beschrieben, die anhand der im Buchblock verwendeten Papiere ins frühe 19. Jahrhundert datiert werden können. 

Erläuterungen

Die beiden querformatigen Halblederbände sind nahezu identisch gearbeitet (Album 1, Einband und Album 2, Einband). Die Decken bestehen aus ca. 5 mm starken Pappdeckeln, bezogen an den Ecken und über dem festen, gerundeten Rücken mit einem braunen, dunkel marmorierten Schafsleder.[1] 

Die Deckel sind mit jeweils vier angestückten, in blau und rot gemustertem Steinmarmorpapieren[2] überzogen (Abb. 1 und 2). Möglicherweise wurden hier ganze Bögen mit Reststücken ergänzt. Eine solche Anstückung von Überzugspapieren lässt sich auch bei anderen großformatigen Bänden finden, so zum Beispiel bei der Sammlung Nicolai der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart, einer Sammlung von Klebebänden aus dem 18. Jahrhundert. Die für das 18. und 19. Jahrhundert typischen und ansonsten schlichten Einbände tragen als einzigen Schmuck parallel zu den Rücken verlaufende blindgeprägte Linien. 

Die Einbände zeigen typische Benutzungsspuren. Die Kanten der Deckel und Ecken sind bestoßen, das Leder berieben und Teile der Oberfläche des Überzugspapiers wurden abgeschabt, während der vormusealen Nutzung und vermutlich durch Ziehen oder Schieben der Bände aus einem Regal oder über Tische. 

Vorderdeckel mit blau und rot gemustertem Steinmarmorpapieren und an den Ecken und am Rücken mit braunem Leder bezogen
Abb. 1: Album 1, Vorderdeckel (Anordnung und Verklebungsabfolge der Marmorpapierstücke, mit dem der Deckel bezogen wurde)
Rückdeckel mit blau und rot gemustertem Steinmarmorpapieren und an den Ecken und am Rücken mit braunem Leder bezogen
Abb. 2: Album 1, Rückdeckel (Anordnung und Verklebungsabfolge der Marmorpapierstücke, mit dem der Deckel bezogen wurde)

Die Buchblöcke bestehen aus heute bräunlich verfärbtem Velinpapier, dessen Einzelbögen in einer Durchausheftung auf jeweils fünf erhabene Bünde geheftet wurden. Das erste Album umfasst 95 Blatt, das zweite Album 97 Blatt. Die Lagen bestehen aus meist acht Einzelblättern. Um aus diesen Einzelblättern Lagen zu bilden, wurden sie vor dem Heften im Falzbereich in Blockheftung quer durchgeheftet (Abb. 3).[3] Vermutlich wurde dazu ein einfacher Überwendlingstich verwendet, bei dem das Garn schräg über den Rücken von einem Heftloch zum nächsten geführt wird. Da die durch diese „Vorheftung“ gebildeten Lagen keine gefalzte Lagenmitte haben, wurde nicht immer nach der Hälfte der Blätter in einer Lage geheftet, sondern oft auch um ein bis zwei Blatt versetzt. Zwischen jeweils sechs dieser Lagen befinden sich in beiden Alben ebenso viele Ausgleichslagen aus meist fünf oder sechs Doppelfalzen (Abb. 4 und Heftschema Abb. 5). Diese sind als gefalzte Lagen mittels Durchausheftung in der Lagenmitte geheftet worden und dienen als Ausgleich für die auf die Seiten zu klebenden Zeichnungen – die beiden Bände waren also offensichtlich schon vom Buchbinder als Klebealben konzipiert. 

Die Vorsätze, bestehend aus dem auf dem Buchdeckel aufgeklebten Spiegel und dem so genannten fliegenden Blatt, wurden aus je zwei Einzelblättern zusammengesetzt, die im Falz leicht überlappend verklebt wurden. Das fliegende Blatt ist jeweils schmal auf der ersten Seite der jeweils anschließenden Lage vorgeklebt. An Kopf und Fuß der Buchblöcke sind schmale weiße, mit Schnurken gefertigte Kapitale angeklebt (Abb. 4). 

Detailaufnahme der Blockheftung und Durchheftung
Abb. 3: Blockheftung (weiße Pfeile) und anschließende Durchausheftung (rote Pfeile), Album 1, Inv. IX 5159-35-5
Untere Rückenkante des Klebebands mit Ausgleichslagen und Kapital mit metrischem Maßstab
Abb. 4: Ausgleichslagen und Kapital, Album 1, Inv. IX 5159-35, Fußschnitt
Schematische Darstellung vom Aufbau des Buchblocks
Abb. 5: Aufbau des Buchblocks mit 12 Lagen (nur die beiden ersten und letzten Lagen sind in dem Lagenprotokoll gezeigt; blau: Klebstoff, rot: Heftung). 
 

Das Velinpapier der Albumblätter bzw. Folios (Blattmaß ca. 485 x 600 mm) hat heute einen bräunlich-beigen Farbton. Der Faserstoff aus Hadern beinhaltete auch zahlreiche holzige Einschlüsse. Im Durchlicht ist die feine Gitterstruktur des gewebten Velin-Siebes zu erkennen und nahe des Blattrandes, häufig angeschnitten und in zwei alternierenden Varianten, das Wasserzeichen „F. Buhl”. Der Name steht für die Besitzer einer Ettlinger Papiermühle, die den Betrieb nach einem Brand 1793, ein Jahr nachdem Weinbrenner nach Italien aufgebrochen war, wiederaufnahm[4] und bis über seinen Tod hinaus Papier produzierte (Abb. 6 und 7). Bei den Albumblättern handelt es sich um nur wenig beschnittene, fast vollständige Bögen; dafür sprechen die ungefalzt gehefteten Einzelbögen und die Position der Wasserzeichen. Das Papier zeigt einige typische Merkmale handgeschöpften Papiers, so etwa Quetschfalten an den Blatträndern, dunkle Wollhaare, die vermutlich von den zum Entwässern der Bögen genutzten Gautschfilze übertragen wurden, sowie „Tränen“, also kreisförmig ausgedünnte Bereiche, wo während des Schöpfens aufgetropftes Wasser Faserstoff verdrängte sowie eine leicht unregelmäßige Masseverteilung zum Rand hin (Abb. 8 und 9). In der Mitte vieler Blätter ist senkrecht verlaufend der Bereich erkennbar, wo das Papier nach dem Schöpfen und Gautschen zum Trocknen aufgehängt wurde. Weniger verbräunt als der Rest des Bogens erscheint dieser Bereich als heller, schmaler Streifen (Abb. 8).[5] Da das Papier ungeleimt oder nur geringfügig geleimt ist, war es offensichtlich nie als Beschreibpapier vorgesehen. Papier aus der Ettlinger Mühle wurde von Weinbrenner auch für den Lithographiedruck verwendet (Entwurf von F. Weinbrenner für das Karl Friedrich-Denkmal in Karlsruhe, gedruckt von Karl Müller, vermutlich 1814, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. X 1876).

Detailaufnahme mit dem Wasserzeichen "F. Buhl"
Abb. 6: Album 1, Folio 71 mit dem Wasserzeichen „F. Buhl“ (Ecke o.l., vertikal gespiegelt), Inv. IX 5159-35-71, Durchlicht
Detailaufnahme mit dem Zwilling des Wasserzeichens "F. Buhl"
Abb. 7: Album 1, Folio 78 mit dem Zwilling des Wasserzeichens „F. Buhl“ in Abb. 6 (Ecke o.r., 180° gedreht), Inv. IX 5159-35-78, Durchlicht
Dreiundachtzigstes Blatt aus Klebeband 1, Auflichtaufnahme des Leerblatts
Abb. 8: Album 1, Folio 83, Inv. IX 5159-35-83, Auflicht
Dreiundachtzigstes Blatt aus Klebeband 1, Durchlichtaufnahme des Leerblatts
Abb. 9: Album 1, Folio 83, Inv. IX 5159-35-83, Durchlicht

Auf den gealtert leicht bräunlichen Albumblättern zeigen sich weitere Farbveränderungen dort, wo sie entweder vorderseitig Klebepunkte der Weinbrennerzeit tragen oder wo sie rückseitig in Kontakt mit den Zeichnungen lagen, die auf dem nächsten Blatt montiert sind. Die Zeichnungen selbst weisen aber keine sichtbar auf den Kontakt mit dem Albumpapier zurückführbaren Veränderungen auf. Dies lässt sich bei eingefaltet montierten Zeichnungen erkennen, die das gegenüberliegende Albumpapier nur teilflächig kontaktierten (siehe z.B. Newdigate-Kandelaber). Ein wesentlicher Grund für die unterschiedliche Alterung der Zeichnungs- und Albumpapiere sind ihre Qualitätsunterschiede. Für die Zeichnungen wurden durchgehend Papiere verwendet, die sich – bei aller Varianz untereinander – als Gruppe deutlich von dem Papier der Ettlinger Mühle abheben. Dessen sichtbar minderwertigere Stoffzusammensetzung dürfte für die Verfärbung der Albumblätter bestimmend gewesen sein, ebenso der Verzicht auf eine oberflächenschützende Gelatineleimung[6], von der die überwiegende Zahl der auch stofflich weit hochwertigeren Zeichnungspapiere profitierte. Die farblichen Veränderungen der Albumpapiere lassen sich anhand eines besonders ausgeprägten Beispiels – an zwei aufeinanderfolgenden Blättern (Album 1, Blatt 33 und 34) – stellvertretend für viele andere Blätter darstellen. Vorderseitig auf dem Albumblatt 33 aufgebrachte Klebstoffpunkte (Abb. 10) wirken bis auf die Rückseite des Albumpapiers abschirmend und schützen es vor Verfärbungen, sodass an diesen Stellen heute das Papier relativ hell geblieben ist (Abb. 11, rundliche helle Stellen). Unterschiedlich fällt die Wirkung verschiedener Zeichenmedien auf die Verfärbung des Albumpapiers aus. So etwa ist es dort relativ hell (Abb. 11, rot markiert), wo die Linien einer Zeichnung in Eisengallustinte (Abb. 12, rot markiert) auf dem nächstfolgenden Blatt 34 im geschlossenen Album direkt in Kontakt mit Blatt 33v lagen. Der Kontakt mit einer Zeichnung in schwarzem Stift (Kreide) mit fetthaltigem Bindemittel (Abb. 12, blau markiert) führte zu einer dunklen, den Linien folgenden Verfärbung (Abb. 11, blau markiert).
 

Durchlichtaufnahme mit Zeichnungen eines Bukranienfrieses, Konsolen mit Meerwesen, Architekturskizze mit hellen Bereichen in den Ecken der Blätter
Abb. 10: Album 1, Folio 33 im Durchlicht, horizontal gespiegelt, helle Bereiche in den Ecken der Zeichnungen weisen auf Klebepunkte der Weinbrennerzeit hin, die sich verso hell abzeichnen (siehe Abb. 11), Inv. IX 5159-35-33

 

Rückseite des dreiunddreißigsten Blattes aus Klebeband 1 mit  kontaktbedingten Farbveränderungen der Zeichnungen des nachfolgenden Blatts
Abb. 11: Album 1, Folio 33v mit unterschiedlichen, kontaktbedingten Farbveränderungen: Kontakt mit Zeichnungen in Eisengallustinte (rot markiert) und mit Zeichnung in schwarzem Stift (blau markiert), Inv. IX 5159-35-33v

 

Mehrere Zeichnungen, darunter Entwurf für eine Stele sowie für einen Konsoltisch mit Greifen, Theatermasken und Widderköpfen in Eisengallustinte, und ein Fries mit Ranken-Eros in schwarzem Stift
Abb. 12: Album 1, Folio 34; Zeichnungen in Eisengallustinte (rot markiert; Inv. IX 5159-35-34-4 und IX 5159-35-34-6), Zeichnung in schwarzem Stift (blau markiert; Inv. IX 5159-35-34-2)

Alle Albumblätter sind jeweils am rechten Rand foliiert. In wenigen Fällen wurde die Foliierung auf eine der eingeklebten Zeichnungen geschrieben, sie wurde also erst nach deren Einkleben vorgenommen.

Im Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) am Karlsruher Institut für Technologie in Karlsruhe haben sich zwei Klebebände von Schülern Weinbrenners erhalten,[7] doch sind von ihm selbst keine weiteren Klebebände überliefert, die sich zum Vergleich heranziehen ließen. Die Schülerbände zeigen deutlich, wie die beiden heute im Besitz der Kunsthalle befindlichen Piranesi-Alben in Weinbrenners Architekturschule genutzt wurden. Sie enthalten zahlreiche Motive aus den beiden Piranesi-Alben, kopiert in Tinte oder Tusche auf Transparentpapier. Eines der Schüleralben enthält sogar eine Rötel-Zeichnung, welche vermutlich von Piranesi selbst stammt. Wie diese in den Schülerband gelangte, ist unklar. Da die beiden Piranesi-Bände keine Hinweise auf ein Heraustrennen von Zeichnungen zeigen, ist es wahrscheinlicher, dass die Zeichnung von den anderen separiert wurde, noch bevor sie in die beiden Alben montiert wurden. Eines der Schüleralben enthält sogar eine Rötel-Zeichnung, welche vermutlich von Piranesi selbst stammt (siehe Essay Die Piranesi-Zeichnung im Geier-Album).

Einzelnachweis

1. Bettina Wagner: Außen-Ansichten: Bucheinbände aus 1000 Jahren aus den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek München, Wiesbaden 2006.

2. Nedim Sönmez: EBRU Marmorpapiere, Ravensburg 1992, S. 92.

3. W. Knees Gnirrep/Johan P. Gumbert/János A. Szirmai: Kneep en Binding, Den Haag 1992 (eingesehen am 28.8.2021).

4. Frieder Schmidt: Ettlingen als Standort der deutschen Papierfabrikation, in: Festschrift 800 Jahre Stadt Ettlingen, Ettlinger Hefte, Sonderheft 3, 1992, S. 115–134. Der 1815 verstorbene Franz Albert Buhl hatte zwei Söhne, die beide mit F beginnende Vornamen trugen: Franz Anton (der das Geschäft 1842 seinem Bruder überließ) und Florian, so dass sich nicht feststellen lässt, wer im Wasserzeichen gemeint ist.

5. Er ist breit und verläuft gerade und weicht damit von dem runzligen Erscheinungsbild typischer Trocknungsfalten ab, möglicherweise wurde kein Seil, sondern eine andere Vorrichtung zum Trocknen genutzt.

6. Unter Zitierung relevanter weiterer Literatur nachzulesen unter „gelatin“ in den Schlussfolgerungen einer umfassenden Studie zum Erhaltungszustand historischer Papiere (Timothy Barrett, et al.: Conclusions, in: Paper through Time: Nondestructive Analysis of 14th- through 19th-Century PapersThe University of Iowa. Last modified July 01, 2013 (eingesehen am 28. 8. 2021).

7. Karl Joseph Berckmüller, Klebealbum, Archiv für Architektur und Ingenieurbau, KIT, Karlsruhe, Berckmüller 126 (siehe auch: Elisabeth Spitzbart: Karl Joseph Berckmüller. 1800–1879. Architekt und Zeichner, Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe. Friedrich Weinbrenner und die Weinbrenner-Schule, hrsg. von Wulf Schirmer, III, Karlsruhe 1999, S. 234, Kat. Nr. 170.); und Heinrich Geier, Klebealbum (in der älteren Literatur als Geiersches Skizzenbuch bezeichnet), Archiv für Architektur und Ingenieurbau, KIT, Karlsruhe, Inv. Geier 1. Unser herzlicher Dank gilt Georg Kabierske für die Hinweise zu den Alben.

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