Dasselbe Relief wurde in einer Zeichnung festgehalten, die 2 Seiten zuvor in diesem Album eingeklebt ist - auch dort gemeinsam mit der Darstellung der bärtigen Maske aus der Gartenfassade des Palazzo Barberini.
Werkdaten
Künstler
Nicolas François Daniel Lhuillier (um 1736–1793) (?), Gruppe 5
Ort und Datierung
Rom, 1762
Abmessungen (Blatt)
205 x 524 mm
Inventarnummer
IX 5159-35-8-1
- Zeichenmedien
Heller Rötel; weitere Informationen siehe: Merkmale der Zeichenmedien
- Beschriftungen
In der Handschrift von Giovanni Battista Piranesi (?) oder Nicolas-François-Daniel Lhuillier (?) in der Mitte unten in Rötel bezeichnet: „1762“
- Literatur
Georg Kabierske: Weinbrenner und Piranesi. Zur Neubewertung von zwei Grafikalben aus dem Besitz Friedrich Weinbrenners in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, in: Brigitte Baumstark/Joachim Kleinmanns/Ursula Merkel (Hg.): Friedrich Weinbrenner, 1766–1826: Architektur und Städtebau des Klassizismus, Ausst. Kat. Karlsruhe, Städtische Galerie und Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau, Petersberg 2015 (2. Aufl.), S. 75–87, hier S. 76f., Abb. 2.
- Hadernpapier
Vergé; vermutlich italienische Herstellung; Zeichnung vermutlich auf der Filzseite; weitere Informationen siehe: Merkmale des Papiers
- Rückseite
Keine erkennbaren Hinweise auf eine rückseitige Bezeichnung oder Beschriftung
Das Werk im Detail
- Kurzbeschreibung
Auf dieser Zeichnung ist das Relief eines antiken Sarkophags wiedergegeben: Drei geflügelte Genien, von denen zwei zu schweben scheinen, tragen auf ihren Schultern Fruchtgirlanden, von denen jeweils eine Weintraube herabhängt. In den beiden Feldern oberhalb der Girlanden zwischen den drei Genien sieht man Halbfiguren der Verstorbenen. Am unteren Rand ist das Datum 1762 notiert: es handelt sich hier um die einzige datierte Zeichnung im Piranesi-Konvolut der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.
Das antike Vorbild für diese Zeichnung befand sich ehemals im Palazzo Raggi, Via del Corso 173, Rom, und gilt heute als verschollen. In der älteren archäologischen Literatur wird der Sarkophag erwähnt und abgebildet.[1] Es handelt sich um einen Wannensarkophag, auf dessen Vorderseite sich nur die drei Knaben mit den Girlanden und den Büsten befanden. In der Zeichnung sind die beiden gerundeten Enden des Sarkophags abgerollt und das aus Girlanden, geflügelten Genien und Büsten bestehende Relief in die Fläche ausgebreitet und verlängert.
Im Karlsruher Piranesibestand existiert eine Zeichnung IX 5159-35-6-3, die als vor dem antiken Objekt skizzierte Aufnahme gedeutet werden kann. Dass das gleiche Motiv mehrmals und in Etappen auf verschiedenen Blättern gezeichnet wurde, kommt in Piranesis Werkstattmaterial wiederholt vor (siehe dazu Erläuterung in Essay „Stilistische Gruppen“, Gruppe 6) und zeugt von der Rolle des Mediums bei dem Versuch, ein Motiv (hier das Relief) zu verdeutlichen und zu inszenieren. Die hier besprochene Zeichnung wurde auf Grundlage der ersten Skizze erstellt und das Motiv in seinen Konturen deutlicher als dort dargestellt. Während sich die Zeichnung IX 5159-35-6-3 auf die Wiedergabe des Reliefs konzentriert, wird hier der Sarkophag im Ganzen ausgearbeitet und auf zwei Basisstücke gestellt.
Dabei stellt sich die Frage, ob hier zwei Zeichner mit unterschiedlichen Intentionen tätig waren. Der eine, Nicolas François Daniel Lhuillier, zeichnete das Relief idealisiert ins Reine. Der andere, vielleicht Giovanni Battista Piranesi, brachte räumliche Tiefe ein, indem er mit energischen und kräftigem Duktus das Relief als Bestandteil des Sarkophags zeigte, ganz so, wie man solche Sarkophage in den Antikensammlungen Roms aufgestellt finden konnte. Dieses Vorgehen, ein idealisiert gezeichnetes Relief nachträglich in Szene zu setzten, lässt sich auch, etwa durch die Dokumentation von Beschädigungen, bei weitere Zeichnungen aus der Piranesi-Werkstatt beobachten (siehe beispielsweise IX 5159-35-10-1; IX 5159-35-35-1).
Stilistische Gemeinsamkeiten, sowie die Darstellung der Hände, Augen und Haaren, ermöglichen die Zuordnung dieser Zeichnung in die Gruppe 5.
Georg Kabierske, Bénédicte Maronnie und Stefan Morét
Einzelnachweis
1. Diese Identifikation wird der freundlichen Unterstützung von Professor Volker Michael Strocka, Universität Freiburg, verdankt (E-Mail vom 20.1.2021). Siehe auch Friedrich Matz/Friedrich von Duhn: Antike Bildwerke in Rom, Bd. 2: Sarkophagreliefs, Leipzig 1881, S. 114, Nr. 2434; Carl Robert: Römisches Skizzenbuch aus dem 18. Jahrhundert: im Besitz von Frau Generalin von Bauer geb. Ruhl zu Kassel, Halle 1897, S. 69, Nr. 373; Gerhard Rodenwaldt: Sarkophag-Miscellen, in: Archäologischer Anzeiger 1938, S. 404 f., Abb. 8, S. 396/6; Guntram Koch/Hellmut Sichtermann: Römische Sarkophage, München 1982, S. 235, Nr. 130.
- Merkmale des Papiers
Ohne Wasserzeichen
Herstellungsmerkmale:
Ungefärbt; hohe Stärke, hohe Festigkeit; knötchenhaltiger Faserstoff; ausgeprägte Sieb- und Filzmarkierung; gelatinegeleimt; manuelle Glättung (im Reflexlicht streifiger Oberflächenglanz). Papiere dieser Qualität wurden in der Werkstatt Piranesis auch für Tiefdrucke verwendet.
Weitere Informationen zu den Fachbegriffen finden Sie im Glossar.
Maria Krämer
- Merkmale der Zeichenmedien
Der helle Rötel liegt in feinen Linien auf, die teilweise verwischt sind; in akzentuierten Bereichen ist der Auftrag deckend; furchige Linien deuten auf Naturkreide hin.
Detail 1: Auflicht
RötelauftragDetail 2: Streiflicht
Rötelauftrag mit furchigen LinienWeitere Informationen zu den Fachbegriffen finden Sie im Glossar.
Maria Krämer
- Zeichnerischer Prozess und historische Nutzung
Die in Rötel ausgeführte Zeichnung hängt motivisch mit IX 5159-35-6-3 zusammen und auch technisch lassen sich bei der Wahl des Zeichenmittels Gemeinsamkeiten finden. So ähnelt sich der Rötelton in beiden Blättern stark. Bei dieser Zeichnung wurde bei der Ausführung jedoch größerer Wert auf die Herausarbeitung des Reliefs und der Körperlichkeit gelegt. Außerdem sind unter dem Sarkophagkorpus perspektivisch zwei Klötze dargestellt, auf denen dieser aufgebockt ist; das Objekt wird also an seinem Standort verortet und nicht nur als Motiv eines antiken Bildschatzes dargestellt. Das Papier der hier vorliegenden Zeichnung ist fester, aber auch hier haben sich die kräftig gezeichneten Linien furchig eingedrückt. Wie bei der verwandten Zeichnung finden sich hier deutliche Kratzer in den Rötelstrichen, ein Hinweis auf natürlichen Rötel oder Rötel mit harten Einschlüssen.
Zwar ist die Zeichnung auf dem Teil des Papierbogens ausgeführt, der kein Wasserzeichen aufweist, doch lässt sich durch Vergleich der Oberflächenstruktur, Glätte, Dicke und Aussehen im Durchlicht vermuten, dass es sich um ein Tiefdruckpapier vom Typ Lilie im Doppelkreis (entweder mit Beizeichen des Monogramms „CB“ oder „B“ und „V“) handelt, wie es zahlreich in der Piranesi-Werkstatt verwendet wurde. Das Blatt wurde nachträglich in Format geschnitten, wie die an den Rändern gekappte Zeichnung bezeugt.
Das Papier ist an der linken, oberen und unteren Blattkante beschnitten und besitzt rechts seinen originalen Büttenrand. Rückseitig findet man Spuren einer früheren Montierung in Form von ausgerissenen Ecken und anhaftenden Papierfragmenten. Am linken unteren Klebepunkt weist das Papier eine Fehlstelle durch Insektenfraß auf. Das Blatt ist mittig an der unteren Blattkante eingerissen.
Ausführliche Informationen zu den Fachbegriffen finden Sie im Glossar.
Maria Krämer
- FORS Untersuchung und PCA
Die beiden Zeichnungen (IX 5159-35-6-3 und IX 5159-35-8-1) wurden mit FORS (Fiber Optics Reflectance Spectroscopy) in Kombination mit PCA (Principal Component Analysis) analysiert. Die Ergebnisse sind hier beispielhaft für die 79 analysierten Zeichnungen der Karlsruher Alben vorgestellt. Weitere Informationen (u.a. zur Methodik) siehe: Maria Krämer/Ute Henniges/Irene Brückle/Laura Lenfant/Kirsten Drüppel: Analysis of Red Chalk Drawings from the Workshop of Giovanni Battista Piranesi Using Fiber Optics Reflectance Spectroscopy, 2021. Hier gelangen Sie zur Publikation.
Abb. 1: Inv. IX 5159-35-6-3 (oben) und IX 5159-35-8-1 (unten), zeigen dasselbe Motiv in unterschiedlichen Stufen der Ausführung, Kreise markieren Messpunkte für die FORS-Untersuchung Details 3a: IX 5159-35-6-3
Aufträge der Zeichenmedien bei Nr. IX 5159-35-6-3 (links, Streiflicht) und IX 5159-35-8-1 (rechts, Streiflicht) im VergleichDetails 3b: IX 5159-35-8-1
Aufträge der Zeichenmedien bei Nr. IX 5159-35-6-3 (links, Streiflicht) und IX 5159-35-8-1 (rechts, Streiflicht) im VergleichWährend in den Reflexionsspektren der beiden Rötelkreiden leichte Unterschiede erkennbar sind, überlappen die Spektren in der Darstellung des scharfen Anstiegs in der ersten Ableitung deutlich (Abbildung 2a u. b). Die Spektren der Zeichnung IX 5159-35-8-1 streuen etwas stärker als die von IX 5159-35-6-3. In der PCA aller Zeichnungen grenzen die Gruppen der beiden Zeichnungen direkt aneinander an, ohne zu überlappen.
Abb. 2a und b: UV-VIS Reflexionsspektren (jew. 20 Messpunkte) von IX 5159-35-6-3 (orange) und IX 5159-35-8-1 (türkis) und erste Ableitung zwischen 500 und 650 nm (unten) PCA der 1. Ableitung (500–650 nm): In der PCA wurden die beiden Rötelkreiden der Zeichnungen mit Referenz-Rötelkreiden verglichen. Um die größtmögliche Varianz in der Farbigkeit abzubilden, die innerhalb einer Rötelsorte vorkommen kann, wurden die Referenzkreiden in den Autragsarten trocken, befeuchtet, geölt und verwischt eingesetzt. Der Vergleich nur der beiden Zeichnungen ergab, dass fast die vollständige Varianz (95%) zwischen den Messwerten bereits mithilfe der PC1 (82%) und PC2 (13%) erklärt werden kann (Abb.3). Die Messpunkte von IX 5159-35-8-1 fallen tendenziell in den negativen Bereich von PC-1, die von tendenziell in den positiven Bereich von PC-1. Der Loadings-Plot hilft, den Scores-Plot zu interpretieren (Abb. 4). Der Loadings-Plot von PC-1 zeigt einen positiven Peak im niedrigeren Wellenlängenbereich, gefolgt von einem negativen Peak im höheren Wellenlengenbereich. Dies deutet darauf hin, dass für PC-1 die Position des Maximums der ersten Ableitung das unterscheidende Merkmal zwischen den Messpunkten darstellt.
Abb. 3: Scores-Plot der PCA von IX 5159-35-6-3 (orange) und IX 5159-35-8-1 (hellblau) Abb. 4: Loadings-Plot der PCA Im Vergleich mit den Referenzkreiden (Abb. 5) nehmen die Messpunkte der beiden Zeichnungen einen klar abgegrenzten Bereich ein und streuen vor allem entlang von PC-3, welche 21 % der Varianz erklärt und erneut die Position des Maximums beschreibt (Abb. 6). Entlang PC-2, die Unterschiede in der Form der FORS-Kurve wiedergibt, werden die Referenzkreiden am klarsten von einander getrennt. Hier streuen die beiden Rötelkreiden der Zeichnungen kaum. Dies impliziert, dass es sich um in ihren Farbeigenschaften sehr ähnliche Rötelkreiden handelt.
Abb. 5: 3D-Scores-Plot von IX 5159-35-6-3 (orange) und IX 5159-35-8-2 (hellblau) im Vergleich mit drei Referenzkreiden (rot, blau und grün) in unterschiedlicher Auftragsart (unterschieden durch Symbole) auf zwei unterschiedlichen Papieren (gefüllte/ungefüllte Symbole) Abb. 6: Loadings-Plot von PC-1–PC-3 der vergleichenden PCA von Zeichnungen und Referenzkreiden. Ausführliche Informationen zu den Fachbegriffen finden Sie im Glossar.
Maria Krämer
Schlagwörter
- Nicolas François Daniel Lhuillier
- Relief
- Rötel
- Italienisches Papier
- Stilistische Gruppe 05
- Girlande
- IX 5159-35-8-1
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